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INTERVIEW MIT ROMAN NIEWODNICZANKSI

Herr Niewodniczanski, wie sind Sie ursprünglich zum Weinbau gekommen und was fasziniert Sie
dabei bis heute am meisten? Seit ich als kleines Kind den verzückten Gesichtsausdruck meines Großvaters Dr. Theobald
Simon, einem berühmten deutschen Bierbrauer und zugleich höchst kultivierten Genussmenschen, beim regelmäßigen Trinken großer Weine von Mosel und Saar erleben durfte, war ich in den
Bann gezogen vom Erlebnis des Genusses von Spitzenweinen, der mich bis heute nicht losgelassen hat. Die Erkenntnis des gewaltigen Qualitätspotenzials der Weinberge der Saar - dem ehemals sehr
berühmten südlichen Seitental der Mosel – kam dann aber eigentlich erst beim Besuch zahlreicher renommierter Winzer in der ganzen Welt in den 1990er Jahren. Erst beim Besuch
dieser oft moselweinbegeisterten Winzer in Frankreich, Kalifornien, Südafrika, Neuseeland, Australien und Chile erkannte ich wirklich, welche große Renaissance den Weißweinen der
mineralischen Schiefersteillagen der Saar im kühlsten Teil Deutschlands bevorstand. Weltweit ist bereits seit den 90er Jahren ein Trend hin zu aromatischen, animierenden wie bekömmlichen
Weißweinen so genannter Cool Climate-Weinregionen zu spüren. In Deutschland kam dieser Trend erst nach 2000 an. Was mich am meisten begeistert, ist neben der Vielfalt dieses Berufes und der Möglichkeit mit
einem unendlich hoch motivierten, qualitätsbegeisterten Team von Mitarbeitern arbeiten zu dürfen, die Möglichkeit, eine ganze Weinbauregion gemeinsam mit meinen Kollegen wieder zu
einer der international führenden Weissweinregionen zu machen.
Was war letztendlich der Ausschlag dafür, sich dem Projekt „Von Volxem“ mit derart viel Herzblut
und Qualitätsgeist zu widmen? Die felsenfeste Überzeugung, dass die wirtschaftliche Krise des sehr kostspieligen, weil
handwerklich aufwendigen Steillagenweinbaus der Saar schon nach wenigen Jahren beendet sein würde, verbunden mit der tiefen Überzeugung, dass regionale Traditionen und Terroirs
widerspiegelnde, eigenständig authentische deutsche Weißweine künftig (wieder) eine große Nachfrage erfahren würden.
Riesling ist Ihre Leidenschaft und das große Steckenpferd auf Ihrem Weingut. Was macht in Ihren
Augen diese Rebsorte so einzigartig, bzw. was hat diese Traube, was andere Traubensorten der Weinwelt nicht haben?
Neben Riesling ist vielleicht nur noch Pinot Noir in der Lage, eine bestimmte Lage, eine spezielle Bodenformation, ein günstiges Kleinklima, kurz gesagt ein hochwertiges und zugleich nur sehr
begrenzt verfügbares Terroir so eigenständig und perfekt in einem Wein zum Ausdruck zu bringen. Die Vielfältigkeit, Langlebigkeit, reiche Fruchtaromatik uns schlicht einzigartige
Animation sind die Eigenschaften, die mich an Riesling so sehr faszinieren – und dies alles bei zumindest an der Saar außerordentlich niedrigen Alkoholgehalten. Wer jemals das Glück hatte,
spät im November goldgelbe, hochreife Rieslingbeeren einer begünstigten Schiefersteillage zu kosten, wird meine Begeisterung verstehen.
Neben perfekt gereiften Pinot Noirs aus burgundischen Grand Cru-Lagen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, waren es sicher reife Rieslingweine der Spitzenwinzer von Mosel, Saar und Ruwer
, die mich selbst nach bis zu 100 Jahren Flaschenreife mehr in den Bann gezogen haben als die meisten anderen Spitzenweine der Welt.
Die Weinberge Ihres Weinguts bearbeiten Sie sehr naturnah. Wie sieht diese Wirtschaftsweise im
Detail aus? Wo liegen dabei die Vorteile bzw. auch die Schwierigkeiten in den steilen Lagen an der Saar? Das Qualitätspotential der Weinberge der Saar lässt sich ausschließlich durch nachhaltige,
handwerklich intensive weinbauliche Arbeit – in der Regel von Hand – heben. Dies wussten bereits die Winzer Ende des 19. Jahrhunderts, die mit ihrer außerordentlichen Qualitätsdisziplin
die Weine von Mosel und Saar bis in die 1930er Jahre an die Spitze der internationalen Weinbauregionen gebracht hatten. Unter dieser handwerklichen, naturnahen Bewirtschaftung der
Weinberge verstehen wir weit mehr als nur den Verzicht auf Insektizide, Mineraldünger, das Bodenleben zerstörende lang wirkende Herbizide sowie systemische Fungizide. Die Basis der
Qualitäten der Weine von Van Volxem sind ökologisch intakte Böden, die mit großen Mengen selbst erzeugter Komposte und vielfältigen natürlichen Pflanzenstärkungsmittel vitalisiert werden.
Neben den systematisch ausgesäten Begrünungen/Leguminosen stellen aber die oft wurzelechten alten Rieslingreben, sowie die bei Junganlagen sorgfältig auf Kleinbeerigkeit und Aromenfülle hin
ausgewählten Rieslingselektionen den Kern unserer immer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Qualitätsbemühungen dar. Schwierigkeiten ergeben sich bei uns insbesondere aus den enorm hohen Kosten der
Bewirtschaftung der oft grenzlastig steilen Schiefersteillagen von Hand, für die nicht nur im Herbst Dutzende von qualifizierten Mitarbeitern erforderlich sind. Dieser Wettbewerbsnachteil
macht den Weinbau an Mosel und ihren Nebenflüssen schon seit Jahrhunderten so anfällig für wirtschaftliche Krisen. Da die Erzeugung von hohen Qualitäten immer auch Geld kostet, können
Spitzenweine der Mosel nicht billig sein. Der große Vorteil unserer einmalig schönen Schiefersteillagen besteht zum einen in den sowohl
wasserdurchlässigen wie auch mineralisch fruchtbaren Schieferböden, zum anderen in den fast schon einzigartig hohen Schwankungen der Temperatur zwischen heißen Sommertagen und
kühlenden Nächten. Dieser spannende Effekt ermöglicht eine hohe aromatische Reife bei zugleich animierender wie bekömmlicher Säurestruktur und einem vergleichsweise moderaten Alkoholgehalt.
Was empfehlen Sie den Weinfreunden im Umgang mit Ihren Weinen? Wo liegt Ihrer Meinung nach das besondere Merkmal bzw... die individuelle Klasse in Ihren Gewächsen?
Van Volxem-Weine benötigen grundsätzlich viel Zeit. Zeit in ihrer langsamen Gärung in den traditionellen Holzfässern ebenso wie Zeit in der Entwicklung in der Flasche und Zeit im
hoffentlich großen, die Aromen unterstreichenden Glas. Um ihre ganze Aomenfülle zu entfalten sollten sie nicht zu kalt genossen werden. Reifere Flaschen unserer großen Lagen-Weine sollten
dekantiert werden, da die reiche Aromatik sehr von einer Belüftung profitiert. Das besondere Merkmal von Van Volxem-Weine ist neben ihrem herrlich fruchtbetonten Bouquet
ganz sicher ihre seidig-geschmeidige Textur am Gaumen bei zugleich animierender wie auch bekömmlicher Säurestruktur. Das insbesondere im Zusammenspiel mit aromatischen Gerichten
sich zeigende, (hoffentlich) von einem langen Abgang gekrönte, angenehm harmonische Mundgefühl ist vielleicht das schönste Erkennungszeichen von Weinen von Van Volxem.
Ich persönlich schätze Ihre Weine vor allem in Verbindung mit ausgewählten Speisen. Wie stufen
Sie hierbei Ihre eigenen Weine ein? Welche faszinierenden Kombinationen sind Ihnen dabei noch bis heute in Erinnerung?
Grundsätzlich profitieren fast alle unsere Weine infolge der Abstimmung mit aromatischen Speisen – dies insbesondere nach einer gewissen Zeit der Flaschenreife. Auch wenn dies
vielleicht etwas abgedroschen klingt, so ergeben sich die besten, eindrucksvollsten Harmonien zwischen Weinen und Speisen bei Van Volxem-Rieslingen sicher im Zusammenspiel mit
asiatischen Gerichten. Die vielleicht spannendsten Kombinationen meines Lebens habe ich bei kreolischen, indischen und insbes. kantonesischen Chefs erlebt. Wer jemals ein mit Fruchtaromen
, Pilzen sowie einer gewissen Schärfe aromatisiertes, in einer Teig- oder Papiertasche schonendst gegartes Fisch- oder Geflügelgericht in einer modernen kantonesischen Küche, beispielsweise in
London, genossen hat, wird meine Begeisterung für diese Küche im Zusammenspiel mit unseren sehr aromatischen Weinen nachvollziehen können. Generell harmonieren unsere Weine am
besten mit aromenreichen Gerichten wie Geflügel guter Provinienz. Insbesondere unsere Saarweine der großen Lagen Scharzhofberg Pergentsknopp, Altenberg und Gottesfuß aus
heißeren Jahren eignen sich mit ihrer großen Aromenfülle ganz hervorragend auch zu Wildgerichten, sofern letztere nicht zu heiß gegart wurden, dass Fleisch also noch über eine
gewisse natürliche Saftigkeit und Süße verfügt.
In diversen Verkostungsnotizen wird immer wieder das enorme Lagerpotenzial Ihrer Weine
angesprochen. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich schon damit gemacht? Was empfehlen Sie dabei dem ambitionierten und vor allem interessierten Riesling-Fan?
Da 2000 erst der erste Jahrgang des „neuen“ Weinguts Van Volxem war, ist meine Erfahrung hinsichtlich des Reifevermögens unserer Weine naturgemäß begrenzt. Meine bisherige Erfahrung
mit reiferen Weinen von Van Volxem zeigt, dass die Weine der für die Saar klassischeren, kühleren Jahrgänge eine frühere Trinkreife aufzeigen als die Weine höher bewerteter Jahre.
Während die Gutsweine Schiefer Riesling und Saar Riesling bereits jung genossen werden können und über ein Reifevermögen von bis zu zehn Jahren verfügen sollten, benötigen die
höherwertigen Lagen-Weine in der Regel deutlich mehr Zeit zur Entfaltung ihres Qualitätspotentials. Insbesondere zum Essen genossen sollten diese Weine über eine
Flaschenreife von mindestens zwei Jahren verfügen, um dann selbst nach 10 oder 15 Jahren noch größte Trinkfreude zu bereiten. Da wir alles tun, um insbesondere den Lagen-Weine ein hohes
Reifevermögen zu ermöglichen, gewähren wir bei diesen ein zehnjähriges Rückgaberecht, egal wo der Van Volxem-Wein erworben wurde.
Berufsbedingt verkosten Sie sicherlich auch viele Weine Ihrer Kollegen und gehen bei
ausgezeichneten Köchen zum Essen. Welches kulinarische Erlebnis blieb in dabei in den letzten Jahren ganz besonders in Erinnerung?
Dies sind so viele fantastische Erlebnisse, dass dieser Fragebogen zur Beantwortung dieser mit angenehmsten Erinnerungen verbundenen Frage nicht ausreichen dürfte.
Da das letzte Erlebnis bekanntlich immer der stärkste Eindruck ist, sei auf einen herrlich gereiften 1979er Grands Echezeaux verwiesen, den ich vergangene Nacht (13.04.2010) im schönen Hotel
Auriga in Lech im Zusammenspiel mit einem herrlichen, perfekt zubereiteten österreichischen Tafelspitz genießen durfte.
Wo sehen Sie persönlich den Weinbau in Deutschland aber auch im speziellen an der Saar in 10
Jahren? Da zum einen der Klimawandel voranzuschreiten scheint und andererseits die Nachfrage nach aromatischen, im Alkohol moderaten, erfrischend animierenden Weißweinen in den nächsten
Jahren eher noch zunehmen sollte, bin ich für die doch eher als kühl zu bezeichnende Weinbauregion der Saar außerordentlich optimistisch. Das enorme Qualitätsstreben von noch
jungen Weingütern wie Lauer/Ayl, Dr. Siemens/Serrig, Reverchon/Filzen begeistert mich ebenso wie der kürzliche Einstieg des Prominenten Günther Jauch in das renommierte Saarweingut von
Othegraven/Kanzem. All dies zeigt, dass ich nicht der einzige bin, den das aus meiner Sicht spektakuläre Qualitätspotential der Schiefersteillagen der Saar geradezu unruhig vor Anspannung
und Begeisterung werden lässt. Was mich an dem derzeitig alle deutschen Weinbauregionen erfassenden Qualitätsstreben so
begeistert, ist die oftmals konsequente Rückbesinnung auf alte handwerkliche Traditionen. Neben der Wiederentdeckung alter Reben und alter Selektionsgenetik, oftmals in ehemals brach
gefallenen Steillagen, erschließen sich immer mehr deutschen Winzern die Vorteile naturnaher Bewirtschaftungsmethoden, später selektiver Lese von Hand, schonendster Pressung mit
Korbkeltern, Holzfassausbau, Spontangärung, Verzicht auf Schönungsmittel wie Bentonite etc. Dies alles macht mich sehr optimistisch, dass Deutschland schon in 10 Jahren wieder als eines
der international führenden Länder für Weißweine ein hohes Vertrauen und Ansehen genießen wird.
Ganz herzlichen Dank für das sehr informative Gespräch!
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