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INTERVIEW MIT MATTHIAS ADAMS
Herr Adams, seit 2003 bewirtschaften Sie zusammen mit Ihrer Frau das Weingut von Racknitz in
Odernheim. Erzählen Sie ein wenig von der Zeit davor! Wie kamen Sie mit dem Thema Wein in Kontakt und was hat Sie daran begeistert?
Der Wein begleitet mich seit frühester Jugend, mein Vater hat mich schon ganz früh zu Weinproben mitgenommen, aufgewachsen bin ich in Mainz und Schweinfurt, studiert habe ich in
Freiburg, war also immer von Wein umgeben. Da kommt das Interesse für den Wein von ganz alleine. Schon als Student habe ich für Freunde Weinreisen organisiert. So richtig eingetaucht in
das Thema Wein bin ich allerdings in den 90er Jahren in Berlin, dort lernte ich Stuart Pigott kennen, seitdem ein enger Freund. Die unendlich vielen Gespräche und gemeinsamen
Verkostungen haben meine Vorstellung vom Wein geprägt und geformt.
Allerdings war ich damals noch weit davon entfernt daran zu denken, jemals selbst Weinbau zu
betreiben. Damals war ich in verantwortlicher Position in einem großen Münchner Unternehmen, was mir zunehmend weniger Spaß machte, so dass ich Ende 2002 ausschied. Im Laufe der Zeit
wurde mir immer klarer, dass einfach keinen Sinn macht, in Monats- oder Quartalsabschlüssen zu denken und ich eigentlich Substanz schaffen wollte. Allerdings war mir nicht klar, wie ich dies
umsetzen sollte. So bin ich erst mal in den Schwarzwald gefahren und habe wochenlang zu Fuß oder auf Langlaufskiern versucht, den Kopf frei zu bekommen. Im Frühsommer 2003 habe ich
dann meine heutige Frau kennen gelernt und wir haben relativ bald beschlossen, gemeinsam ein Weingut aufzubauen. Nun kann ich mit der Natur arbeiten und in Generationen denken bei dem,
was ich mache! Ich bin überzeugt davon, dass dies der menschlichen Natur näher liegt als der „Bürojob“.
Was fasziniert Sie so sehr an der Weinregion Nahe und wo liegen die individuellen Besonderheiten
dieser Gegend und insbesondere in Ihrem Betrieb?
Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich vor 2003 nicht bewusst an der Nahe gewesen bin. Ich
bin ja auch eher zufällig hier gelandet. Aber so nach und nach wird mir das Potential der Nahe als Weinbauregion sehr bewusst. Es ist ja keine dieser typischen deutschen Weinbauregionen mit
großen, zusammenhängenden Lagen, es ist alles ganz stark fragmentiert, hier mal etwas Weinbau, dort mal etwas Weinbau. Auch ist der Tourismus und damit die Hotellerie und
Gastronomie – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen – stark unterentwickelt. Alles so ein bisschen Terra incognita. Hier gibt es also einiges zu tun, es ist spannend, unter solchen
Rahmenbedingungen ein Weingut aufzubauen.
Mit unserem Weingut setzen wir die Weinbautradition der Mönche des Klosters Disibodenberg fort
. Nicht nur, dass wir mit dem Disibodenberg den ehemaligen Klosterweinberg bewirtschaften, unser Weingut ist auch der ehemalige Wirtschaftshof des Klosters, das im übrigen zum Weingut
dazugehört. Dieser Tradition sehen wir uns verpflichtet, was bedeutet, dass wir sowohl im Weinberg als auch bei der Weinbereitung das Wissen unserer Vorfahren einfließen lassen.
Ihr Steckenpferd ist der Riesling. Gibt es auch andere Rebsorten, die an der Nahe dieses Qualitätspotenzial erreichen können?
Im Grundsatz ist die Nahe aufgrund der vielfältigen Bodenformationen natürlich Riesling-Land. Allerdings haben an der unteren Nahe, also zwischen Bingen und Bad Kreuznach aufgrund der
tiefgründigeren Böden auch die Burgundersorten eine Existenzberechtigung. Hier an der mittleren Nahe war bis in die 1930er Jahre hinein der Silvaner die Hauptrebsorte, historisch gab es hier
auch viel Traminer, Roter Veltliner, Elbling & Co. Nach Aussage älterer Winzerkollegen muss es hier sensationelle Silvaner gegeben haben, da scheint also ein gewisses Potential brach zu liegen.
An der Nahe und ihren Seitentälern findet man eine unglaublich vielseitige Bodenformationen.
Grünschiefer, Schieferton, Buntsandstein, Kiessand, Lehm, Quarz, Vulkan – wie wirkt sich dies in der Praxis auf die Arbeitsbedingungen und natürlich die Weine aus?
Auch wir haben in unseren Weinbergen eine Vielzahl verschiedener Bodenformationen, es ist ja genau das, was wir mit unseren Weinen herausarbeiten wollen. Das hat natürlich Implikationen
auf die Arbeit in den Weinbergen, jeder Boden hat z.B. eine andere Wasserspeicherfähigkeit, einige Weinberge sind reine Geröllhalden, fast ohne Erdauflage. So etwas müssen wir in unserer
Arbeit in den Weinbergen berücksichtigen. Unser Ziel ist es ja, den Einfluss des Bodens schmeckbar zu machen, und da müssen die Umgebungsbedingungen für die Reben optimiert
werden. Riesling und Silvaner sind für mich die beiden Rebsorten, die in der Lage sind, Bodenunterschiede in Geschmack im Glas zu übersetzen.
Bei der Verkostung Ihrer Weine merkt man deutlich, dass Sie einen sehr kompromisslosen Weg in
Weinberg und Keller gehen. Die Weine wirken auf mich extrem klar, reintönig und geradlinig. Welche Faktoren bzw.. Arbeitsschritte sind für Sie in der Weinbereitung unersetzlich?
Sauberkeit, also z.B. keine Dreckecken im Keller, das ist sicherlich einer der ganz wesentlichen Faktoren. Was meinen Sie, wie oft man Weine verkostet, bei denen man sofort schmeckt, wie es
im Keller aussieht? Wein ist ein Lebensmittel, und da muss man strenge Maßstäbe anlegen. Ein anderer wichtiger Faktor ist eine kompromisslose Weinlese. Nur aus richtig gutem, selektiertem
Ausgangsmaterial lassen sich hervorragende Weine machen, kann man auf alle möglichen „Manipulationen“ (Schönungen, etc., was ja erlaubt ist) verzichten. Und Zeit, viel Zeit und Geduld.
Bei uns wird der Wein erst dann abgefüllt, wenn er einige Zeit der Reife und Entwicklung hinter sich hat. Das kann schon mal ein Jahr nach der Lese sein.
Ich habe gehört, dass Sie in Zukunft auch wieder beabsichtigen restsüße bzw. edelsüße Weine zu
produzieren. Wie kam es dazu?
Der Riesling hat ja eine ungeheure Bandbreite, auf der er seine Stärke zeigen kann – von ganz
trocken bis richtig süß. Ich bin nun mal auch ein großer Freund des klassischen restsüßen Rieslingtyps, also der Spät- oder Auslese. Diese Weine hatten wir immer aus der Niederhäuser
Rosenheck, einem Weinberg, der aufgrund seines filigranen Schieferbodens für solche Weine prädestiniert ist. Eine große alte Anlage mussten wir vor einiger Zeit roden, so dass wir einfach
keine passenden Trauben mehr hatten. Im vergangenen Jahr haben wir diese Parzelle mit genetisch ganz alten Rieslingreben wieder angelegt, so dass wir in drei Jahren wieder restsüße
Spät- und Auslesen anbieten können – wenn auch sicherlich nur in kleinen Mengen.
Sie verschließen alle Ihre Weine mit dem Stelvin-Schraubverschluss. Aus welchem Grund haben
Sie sich dafür entschieden? Hat sich der Weinfreund inzwischen daran gewöhnt oder müssen Sie immer noch darüber diskutieren? Wo sehen Sie persönlich die größten Vorteil für diese Korkalternative?
Der allergrößte Vorteil ist, dass die Weinqualität sehr homogen ist, jede Flasche wirklich so schmeckt, wie ich mir das vorstelle. Bei mit Kork verschlossenen Flaschen muss man unter
Umständen viele Flaschen aufmachen, bis man eine Flasche öffnet, die einigermaßen identisch wie die erste Flasche schmeckt. Wir verschließen seit dem Jahrgang 2006 mit dem
Schraubverschluss, nachdem wir mit den Korken des Jahrgangs 2005 vollkommen auf die Nase gefallen waren. Wir haben damals im Schnitt Euro 0,50 pro Korken ausgegeben und hatten
dennoch rd. 20% Beeinträchtigungen. Das ist nicht akzeptabel. Der Schraubverschluss ist hinsichtlich der Ästhetik sicherlich die zweitbeste Lösung, für die Weinqualität aber die beste. Wer
möchte schon wegen eines 50-Cent Teils eine 30-Euro Flasche entsorgen?
Wein und Kochen ist in meiner Vinothek ein allgegenwärtiges Thema. Zu welcher Art von Speisen
sind Ihre Weine perfekte Begleiter?
Aufgrund unserer sehr handwerklichen Herangehensweise bei der Weinbereitung sind unsere
Weine komplex und vielschichtig, was sie zu idealen Essensbegleitern macht. Ich kann Sie nur ermutigen, Konventionen hinter sich zu lassen und Neues auszuprobieren. Das führt zu
unglaublichen Geschmackserlebnissen, da geht die Zunge auf Reisen. Wer traut sich denn normalerweise, einen unserer kraftvollen, halbtrockenen 2006er Rieslinge zu einem Rinderbraten zu servieren?
Mit Sicherheit verkosten Sie über das Jahr hinweg auch viele Weine von Winzerkollegen aus der ganzen Welt. Was war Ihr „Weinerlebnis des Jahres 2010“?
Am meisten beeindruckt haben mich im vergangenen Jahr eigentlich zwei Weine, oder besser Weinstilistiken. Zum einen die schlanken, mineralischen Weine von Peter Veyder-Malberg aus
Spitz, ein ganz neuer, für die Wachau ungewöhnlicher Weintyp. Zum anderen der 2008 Csontos Furmint von Judit und Joseph Bott aus dem Tokaj, was zeigt, dass dort ein unglaubliches Potential
für trockene Weine schlummert.
Welche Ziele haben Sie sich beruflich für die nächsten Jahre gesteckt?
Wachstum auf Teufel-komm-raus ist kein Selbstzweck. Die nächsten Jahre bedeuten für uns insbesondere Jahre der Konsolidierung und der Optimierung. Hinsichtlich der Weingutsgröße
haben wir mit rd. 18 Hektar Weinbergsfläche eine sinnvolle Größe erreicht, immerhin sind es ja fast ausschließlich Steillagen. Somit gilt es, einige Weinberge in den nächsten Jahren neu
anzulegen, damit wir im Hinblick auf die Bewirtschaftung schlagkräftiger werden. Unsere Stilistik werden wir sicherlich nicht verändern, die Weine schmecken uns so, wie sie sind. Es wird
bestimmt der eine oder andere Kunde im Ausland dazukommen, hier spüren wir eine deutliche Nachfragesteigerung. wird.
Ganz herzlichen Dank für das sehr informative Gespräch!
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